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Montag, 21. April 2014

Tintenblau zum Osterfest



Sollte ich jemals eines späteren Tages in den Altersruhestand gehen, habe ich hier auf Zypern zwei Freizeitziele: Zuerst möchte ich Exkurse in die archäologische Theorie und Praxis unternehmen, später oder parallel mich dann der Beobachtung des Meeres widmen. 

Welche Botschaften spülen die Wellen ans Land? Was sagt uns der Wellenrhythmus? Warum tobt das Meer bei Windstille und warum ist jeder 20. bis 25. Schwapp plötzlich um die Hälfte höher als die Vorwellen? Das größte Geheimnis, das es für mich aus dem Mittelmeer zu fischen gilt, berührt jedoch die Meteorologie und den Goetheschen Farbenkreis zugleich. Aus der Farbe des Wassers lässt sich mit gewisser Sicherheit das Wetter der nächsten Tage voraussagen. Und diese nuancenreichen Farbschattierungen mit ihrer Wetterrelevanz haben es in sich.



Heute konnte der blaue Ostersonntagshimmel dem Wasser darunter nicht einmal annähernd das Wasser reichen. Das Meer war tieftintenblau, weit mehr als nur kaiserblau, ähnlich kräftig wie azurblau, eleganter "angestrichen" als nur mit profanem Tiefblau. Eine solche Sattfarbe, verbunden mit idealer Fernsicht signalisiert wohl: Es kündigt sich wettermäßig ein Wärmesprung an - von gestern noch weit unter 20 bis gut 25 Grad Celsius in den nächsten Tagen. Vorsommer - endlich.






Die westliche Nordküste der geteilten Insel dürfte landschaftlich noch immer der wirklich schönste, weil noch am wenigsten veränderte Küstenabschnitt Zyperns sein. Hier erstreckte sich einst in der Bronzezeit das antike Königreich Marion - vom heutigen Polis Chrysochous bis in den heute türkischen Teil hinüber. Gleich hinter der widernatürlichen Grenze liegt Limnitis, heute Yesilirmak. Das landwirtschaftlich geprägte Dörfchen mit auffallend vielen Zyperntürken, die natürlich das Griechische noch aktiv sprechen, hat mindestens drei Highlights: solche Meeresgaststätten (siehe oben), ein eigenes Inselchen (heute unbetretbar, weil im Grenzgebiet liegend) und Erdbeerfelder, soweit das Auge sieht. 



 Autos aus beiden Teilen der Insel verursachen wegen der frisch-festen und vor allem ausgereiften Erdbeeren das reinste Verkehrschaos. Links und rechts Erdbeerflächen, bestens kultiviert (und neuerdings sogar zu Teilen sogar eingezäunt).


Zurück zum Meer und seinem Inselchen, auf dem schwedische Archäologen in den 30er-Jahres des vorigen Jahrhunderts jede Menge prähistorische Siedlungsreste gefunden hatten:  Limnits-Island ist für mich noch vor dem mit Kredefelsen umrahmten Birthplace der Aphrodite an der Südküste das eigentliche Wahrzeichen von Zypern.


Wie gesagt: Sattes Meerblau und Fernsicht sind eine ideale Wohlfühlkombination für Einheimische und Touristen mit Hoffnungsfaktor auf noch mehr Sonne. Aus dem Dunst treten dann die Berg- und Landschaftskonturen hervor und täuschen nachbarschaftliche Nähe vor.  

 


Die Rückreise vom jenseits in das Diesseits der EU ist immer noch grenzwertig; Die beiden Seiten verhandeln seit 1974 ergebnislos. Jetzt haben die "schwarzen" Regierungen im Süden und im Norden einen erneuten Einigungsversuch gestartet. Schließlich trudeln beide Zypernchens aus unterschiedlichen Ursachen in der Krise, schließlich ist man eh auf vielen Gebieten aufeinander angewiesen und - das ist neu und eine mächtige Triebkraft - wollen alle vom Öl- bzw. Erdgas in den nächsten Jahrzehnten partizipieren - da kann und muss man schon mal Kompromisse machen...


Bei uns, also im griechischen EU-Teil der Insel ist das Meer - wen wundert's - genauso blau wie "nebenan".  Die Farben des Meeres: eine immer noch unterschätze Informations- und Wohlfühlquelle....







Donnerstag, 14. Oktober 2010

Vorhang auf nach 47 Jahren

Unsere Küstenstraße im Norden ist heute um geschätzte 150 km länger geworden. Nicht, weil ein da ein Überirdischer am Werke war, sondern weil zwei ehemals verfeindete Volksgruppen gemeinsam einen Schritt in Richtung Vernunft und Realismus gewagt haben: Nach 47 Jahren gibt es ein neues Loch in der noch immer von UN-Truppen zusätzlich gesicherten Grenze in Form einer neuen Straße durch die Pufferzone hindurch - mitfinanziert von den USA.

Der Limnitis-Übergang bei Kato Pyrgos ist für alle, die im Norden des zyprisch-griechischen Südens und im Nordwesten des türkisch besetzen Nordens wohnen, von enormer Bedeutung. Wir z. B. erreichen die Hauptstadt Nikosia jetzt "oben herum" auf bisher nicht gekannten und zudem 60 km kürzeren Wegen. Dass unsere Dorfstraße jetzt womöglich lebhafter wird, das ist den Zyprioten beider Seiten vom Herzen zu gönnen. Ohropax ist reichlich vorhanden...
Heute zur Eröffnung mit dabei: die beiden Präsidenten Christofias (EU-Zypern) und Ergolu (Nordzyprische Republik), viel Volk, der US-Botschafter, der UNO-Sonderbotschafter und EU-Erweiterungskommissar Füle.
Übrigens werden am Montag die Einigungsverhandlungen fortgesetzt - mit dem fast 80. Spitzengespräch in zweieinhalb Jahren.
Mehr als ein Symbol: Fahrzeuge der UN-Friedenstruppe stellen sich in "ihrem" Territorium (Pufferzone zwischen den verfeindeten Volksgruppen) so lange quer, bis die Grenze dann offiziell öffnet. Seither flutet der Verkehr durch die Kilometer breite Pufferzone, um dann hinter den Bergen bei Limnitis zum nordzyprischen Kontrollpunkt zu kommen. Achtung Kraftfahrer: Der nordzyprische Teil ist NICHT durch die Kfz-Versicherungen mit EU-Gültigkeit abgedeckt; man muss bei seiner Einreise mit Auto eine extra Versicherung abschließen
Ruhe vor dem Ansturm, der am Nachmittag punkt 15 Uhr zur Grenzöffnung vor allem von griechisch-zypriotischer Seite einsetzte: Die EU-Außengrenze hat ein neues Tor in die Welt
Auffallend viele Deutsche am historischen Tag im Nordwesten Zyperns: Erinnerung an den Mauerfall vor 20 Jahren


Nordzyprische Medienvertreter werden mit dem UN-Bus "herüber" in den griechischen Teil gefahren: Für viele Reporter der erste Besuch "drüben"
Die Zypern-Limousine Number One: Der Staatspräsident passiert den neuen Grenzübergang
Auch er wird sich an seine Jugend erinnern, wo Eselgespanne und allenfalls die britischen Kolonialherren "seine" Straße letztmalig benutzt haben
Bewohnerin direkt an Grenze, wo 47 Jahre kaum ein Auto vorbei kam


Demetris Christofias (Ex-Kommunist) und der Nordzypern-"Leader" Dervis Eroglu symbolisieren die Hoffnung auf ein vereintes Zypern: Nach zweijährigen Verhandlungen ohne wesentliche Ergebnisse bisher (außer zwei neuen Grenzübergängen in Nikosia und hier in Kato Pyrgos) will man 2011 ggf. "durch" sein. Von der Einigung auf Zypern hängen nicht unwesentlich die Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei ab
Wo Entscheidungen fallen, ist in Zypern die Kirche nicht weit: Staatspräsident Christofias und der orthodoxe Chef der Märrthyrer-Kirche aus dem benachbarten Pachyammos (Hier tobte 1964 der lokale Bürgerkrieg von Tyllerias mit Opfern auf beiden Seiten - u. a. durch Scharfschützen und Napalm)


UN-Truppen aus Südamerika, Großbritannien und der Slowakei sind seit 1964 (!) auf Zypern im Einsatz: Geht´s bald nach Hause?
Zwei Widersacher in den Verhandlungen; aber privat scheint´s nicht gerade zu fremdeln
Erwartungsvoll blickt er auch nach Deutschland: Angela Merkel will im Januar auf Zypern den Verhandlungen ggf. neue Impulse geben